Pädagogische Fachzeitschriften 2006

„Wie du mir, so ich dir?“ - Prävalenz und Stabilität von Bullying in Grundschulklassen

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Bullying ist eine weitverbreitete Art der Schikanierung unter Schülern und wurde bisher in der Grundschule selten untersucht. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.136) 

Um Bullying näher zu untersuchen wurde versucht die Prävalenzraten zu bestimmen und es konnte festgestellt werden, dass es in Grundschulklassen deutlich mehr Opfer als Täter gibt. Mit steigenden Alter kommt es zu einem Rückgang der Prävalenzrate für Opfer, da Kinder anscheinend effektivere Strategien entwickeln, um sich gegen Bullying wehren zu können Dies ist aber nur ein möglicher Ansatz. Vollständig kann der Grund für den Rückgang nicht erklärt werden. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.136ff.)

Trotz manch widersprüchlicher Ergebnisse scheint es, als ob es in der Grundschule zwar mehr Opfer gibt, als in späteren Schulstufen, doch eine Stabilität der Opferrolle konnte nicht festgestellt werden. Für die Täterrolle wurde diese jedoch nachgewiesen. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.138f.)

Um den Stellenwert von Bullying in der Grundschule zu bestimmen, führten Schäfer und Albrecht eine Studie an einer Stichprobe von Dritt- und Viertklässlern bezüglich der Prävalenz und der Stabilität von Bullying durch. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.140)

426 Schüler der dritten Schulstufe wurden im ersten, 285 im zweiten Durchgang befragt, welcher 3 Monate später stattfand. Das Messinstrument stellte eine modifizierte Version des Grundschulfragebogens zu Bullying dar und die Validität des Instruments wurde sichergestellt. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.140f.)

Die Ergebnisse der Untersuchung

zeigten folgendes: Zu beiden Messzeitpunkten berichteten 16 % der Kinder sehr oft schikaniert, 75 % dass sie manchmal schikaniert und 13 % dass sie nie schikaniert wurden. Interessant bei der weiteren Auswertung war, dass erlebtes und aktives Schikanieren voneinander abhängig ist, sprich Schüler, die noch nie schikaniert worden waren, schikanierten signifikant weniger als Schüler, die manchmal oder sehr oft schikaniert worden waren. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.142.)

Die Stabilität von Schikane stellte sich wie folgt dar: Etwa jedes zweite Kind berichtete wiederholt, manchmal und jedes zehnte, sehr oft schikaniert worden zu sein. Weiters ist interessant, dass bei Kindern aus der vierten Schulstufe eine gewisse Stabilität der Schikane berichtet werden kann, wogegen dies in der dritten Klasse nicht festgestellt werden konnte. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.143)

Neben diesen Erkenntnissen zeigte sich, dass nur jene Schüler eine stabile Rolle aufwiesen, die zugleich Opfer und Täter von Schikane waren.

Ein Vergleich theoretischer Erklärungsansätze zeigte, dass vorhandene Theorien die Ergebnisse der Studie nur unzureichend erklären konnten. Explorative Aggression, bei welcher die Opferanzahl im Zeitverlauf abnehmen müsste, konnte etwa nicht bestätigt werden, da die Opferzahl ungefähr gleich blieb. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.145)

Eine maßgbeliche Erkenntnis der Untersuchung war, dass Kinder die selbst schikaniert worden waren, auch andere schikanierten und jedes vierte Kind bei beiden Messzeitpunkten berichtete, Aggression gezeigt zu haben. Somit lässt sich hier eine „Tit for Tat“ Strategie erkennen: „Wer attakiert wird, zahlt mit gleicher Münze zurück oder weicht aus“. (Schäfer/Albrecht, 2004, S.146)

Obwohl sich das Außmaß an Aggression von der Grunschule zu weiterführenden Schulen verringert, wird jedoch die Distinktheit von Opfer- und Täterrolle gefördert. Das heißt, dass Täter verletzliche Individuen leichter erkennen und sich auf diese konzentrieren. Trotzdem kommt es bereits in der Grundschule, in welcher noch kein fixes Rollenbild vorhanden ist und wo sich die sozialen Situationen jeden Tag neu ändern, zu schwerem Bullying, wie in der Untersuchung festgestellt wurde. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S.147f.)

Das soziale Beziehungsgefüge verhindert in der Grundschule zwar noch die Ausbildung von stabilen Opferrollen, doch hohe Prävalenzraten für Opfer, geben bereits Grund zu Gegenmaßnahmen.

Somit muss schon im Grundschulalter den Kindern klar gemacht werden, dass Bullying als Aggression gegen Schwächere ein sozial inakzeptables Verhalten ist, um der Stabilisierung aggressiver Verhaltenstendenzen vorzubeugen. (vgl. Schäfer/Albrecht, 2004, S. 148)


Eine weitere Zusammenfassung

Als Übersetzung für Bullying wird der Begriff Schikanieren verwendet (vgl. Smith, Cowie, Olafsoon & Liefooghe 2002 zit. nach Schäfer & Albrecht 2004, S. 136).

Die Prävalenz von Bullying

Anhand der Anzahl von Opfern und Tätern in einer Klasse werden Prävalenzraten bestimmt. Opfer sind Kinder, die berichten, dass sie innerhalb von mindestens drei Monaten manchmal oder häufig schikaniert worden sind. Täter sind jene, die ebenso häufig für einen vergleichbaren Zeitraum angeben, Mitschüler schikaniert zu haben. Schüler, die als Opfer und Täter klassifiziert sind, werden als Opfer/Täter dargestellt (vgl. Olweus 1991 zit. nach Schäfer & Albrecht 2004, S. 137). Im Alter von 7 bis 8 Jahren wurden bis zu38 % Opfer aber nur 10 % Täter identifiziert. Zwischen 8 und 16 Jahren konnte eine Verringerung der Prävalenzraten für Opfer nachgewiesen werden (vgl. Smith & Levan 1995 & Whitney & Smith 1993 zit. nach Schäfer & Albrecht 2004, S. 137).

Stabilität von Bullying

Bisher wird von einer instabilen Opferrolle und einer stabilen Täterrolle gesprochen.

Theoretische Erklärungsansätze für die Stabilität von Bullying

Ein Ansatz ist, dass die geringe Stabilität als explorative Such nach Opfern bei der Gruppenformation erklärt werden kann (vgl. Perry, Perry & Boldizar 1990 zit. nach Schäfer & Albrecht 2004, S. 139).

Ein anderer Ansatz ist, dass aggressive Attacken nach dem „Tit for tat“-Prinzip durch Gegenaggression beantwortet werden. Oft weichen jüngere Kinder auch aus und versuchen eine andere Gruppe zu finden (vgl. Krappmann 1999 zit. nach Schäfer & Albrecht 2004, S. 139).

Die durchgeführte Untersuchung

Ziel ist es die Prävalenz und die Stabilität von Bullying im Grundschulalter zu analysieren und festzustellen ob sich die wiederholte Opfererfahrung bestätigt und somit mit Bullying in weiterführenden Schulen vergleichbar ist.

Allgemeine Informationen zur Untersuchung:

Im Jahr 1999 wurden 232 Jungen und 194 Mädchen der dritten und vierten Klassenstufen an fünf Münchener Grundschulen untersucht. Drei Monate später wurden in drei derselben

Schulen 150 Jungen und 135 Mädchen erneut befragt. Als Messinstrument wurde ein spezieller Fragebogen verwendet. Die Untersuchung wurde anonym, vormittags während der Unterrichtszeit in den Klassenzimmern von einer Versuchsleiterin in etwa 45 Minuten durchgeführt (vgl. Schäfer & Albrecht 2004, S. 140).

Ergebnisse

Als Ausmaß von Viktimisierung wurde zu beiden Messzeitpunkten festgestellt, dass 16 % der Kinder sehr oft, etwa ¾ manchmal und etwa 13 % der Kinder nie schikaniert wurden. Zum Zusammenhang zwischen Viktimisierung und aktiver Schikane wurde festgestellt, dass Schüler die noch nie schikaniert worden waren, deutlich weniger andere schikanierten. Andererseits erlebten Schüler, die nicht, einige oder viele schikaniert hatten, vergleichbar viel Schikane (vgl. Schäfer & Albrecht 2004, S. 141-142).

Bezüglich der Stabilität von Viktimisierung und aktiver Schikane zeigte das Ergebnis, dass viele Schüler Viktimisierung regelmäßig erleben. In der dritten Schulstufe berichteten die Mädchen stabilere Viktimisierungserfahrungen als die Jungen, während es in der vierten Schulstufe genau umgekehrt war (vgl. Schäfer & Albrecht 2004, S. 142).

Weiters wurde ein fast ausgeglichenes Verhältnis der prozentualen Anteile von Opfern zu Opfer/Täter zu beiden Messzeitpunkten festgestellt. Bezüglich der Stabilität der Rollen bestand weder für Opfer noch für Täter ein erhöhtes Risiko, ihre Rolle über einen 3-monatigen Zeitraum, beizubehalten. Opfer/Täter hatten zum ersten Messzeitpunkt hingegen ein dreifach erhöhtes Risiko, in dieser Rolle zu verbleiben und „neutrale“ Schüler ein 2.3-fach erhöhtes „Risiko“. In Bezug auf die Schulstufe und das Geschlecht galt ein erhöhtes Risiko nur für Opfer/Täter der vierten Klassen, egal ob Junge oder Mädchen (vgl. Schäfer & Albrecht 2004, S. 143).

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse legen nahe, dass das „Tit for tat“ in Grundschulklassen als valides Prinzip betrachtet werden kann (vgl. Krappmann & Oswald 1995 zit. nach Schäfer & Albrecht 2004, S. 146). Es erklärt somit die instabile Opfer- und Täterrolle und zeigt, dass Aggression meistens mit Gegenaggression verbunden ist.

Weiters kann man sagen, dass es kaum möglich ist Bullying in Grundschulen und in weiterführenden Schulen zu vergleichen.

Quelle

Schäfer, M., Albrecht, A. (2004). „Wie du mir, so ich dir?“ Prävalenz und Stabilität von Bullying in Grundschulklassen. Psychologie in Erziehung und Unterricht. 51. S. 136 – 150.


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