Pädagogische Fachzeitschriften 2006

WWW - ein Zufallsagglomerat nebst einer persönlichen Vorbemerkung

Governance

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Persönliche Vorbemerkung

Auch wenn manche behaupten, den Begriff nicht in adäquater Weise ins Deutsche übersetzen zu können, bietet sich dennoch ein alter deutscher Begriff dafür an: "Benimmregeln". Wenn man die folgenden wissenschaftlichen Erklärungsversuche betrachtet, läuft alles darauf hinaus, dass es sich bei Governance um mehr oder minder selbst auferlegte, letztlich unverbindliche Benimmregeln innerhalb eines Lebensbereiches handelt, die zwar nicht einforderbar oder gar einklagbar sind, aber ein schiefes Licht auf alle werfen, die sich nicht an solche Regeln halten. Wenn nun in bestimmten Lebensbereichen von Governance gesprochen wird, dann eben nicht zuletzt in der Absicht, mit diesem sich selbst umgehängten Etikett ein schiefes Licht auf all jene zu werfen, die sich nicht damit schmücken (können, wollen). Wenn also jemand von seiner eigenen Governance spricht, dann enthält das neben dem Geruch des Eigenlobs immer auch ein Kopfschütteln über jene, die sich nicht so benehmen wie man selber. Betrachtet man also das aktuelle modische Brimborium, das um diesen Begriff gemacht wird, näher, dann stellt sich schnell genau dieses Gefühl ein, das man hat, wenn sich jemand in seiner Gegenwart nicht nach Knigge verhält. Igitt ;-)


Zum Begriff

Governance ist begrifflich den Sozialwissenschaften, insbesondere der Politikwissenschaft entlehnt, und entzieht sich als Konzept einer knappen Definition. Die Governanceforschung beobachtet Handlungen wie Regieren, Steuern und Koordinieren innerhalb staatlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Akteure in netzwerkartigen Strukturen. Das bislang dominierende Konzept ‚Steuerung’ wird mit diesem Begriff in einer umfassenderen Perspektive verortet. Diese umgreift das Konstellationsgefüge, in dem die beteiligten Akteure bewegen, ihre intentionalen (Steuerungs-)Aktivitäten mitsamt ihren Potentialen und Beschränkungen sowie die institutionellen Regelungsstrukturen und die mit ihnen verknüpften Veränderungsprozesse und Wirkungen. Die zentrale Fragestellung richtet sich nicht mehr (ausschließlich) auf singuläre Steuerungsaktivitäten, die sich ihrerseits bereits von direktiver zu indirekter Steuerung wandeln, sondern auf das unter den beteiligten Akteuren abgestimmte Zusammenwirken einer Vielzahl von Steuerungsversuchen und dabei zu entdeckende Koordinationsmuster. Die Governance-Perspektive ist damit auch als eine Reaktion auf unterkomplexe lineare Steuerungsmodelle zu verstehen und in einem positiven, durchaus auch praxisrelevanten Sinn als analytischer Versuch, die komplexen Bedingungen von Veränderungen Stück für Stück aufzuklären.

In der Ökonomie versteht man unter Corporate Governance den Versuch, das Principal-Agent-Problem zwischen Eigentümern und Managern einer Aktiengesellschaft zu lösen, wurde in Amerika die Corporate Governance etabliert. Ziel der Corporate Gorvernance ist es, einen Ausgleich zwischen Manager- und Aktionärsinteressen zu schaffen, beispielsweise durch Anreize, die den Manager dazu bringen, im Sinne der Aktionäre zu handeln. Ein häufig verwendetes Instrument sind Aktienoptionspläne, wo Manager einen Teil ihres Gehalts in Form von Kaufoptionen erhalten, denen die Aktien der eigenen Gesellschaft zugrunde liegen. Außer der Installierung von Anreizen beinhaltet die Corporate Governance noch eine Reihe weiterer Instrumente, beispielsweise sollen Aktionäre rechtzeitig und regelmäßig Informationen über das Unternehmen erhalten. Außerdem muss eine wirkungsvolle Kontrolle des Managements durch den Aufsichtsrat gewährleistet sein.

Das heutige Verständnis vom Begriff Governance wurde wesentlich durch das internationale Expertengremium "Commission on Global Governance" geprägt. Die deutsche "Stiftung Entwicklung und Frieden" hat sich ebenfalls früh mit dem Thema Global Governance beschäftigt und definiert Governance als "die Gesamtheit der zahlreichen Wege, auf denen Individuen sowie öffentliche und private Institutionen ihre gemeinsamen Angelegenheiten regeln. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Prozess, durch den kontroverse oder unterschiedliche Interessen ausgeglichen werden und kooperatives Handeln initiiert werden kann. Der Begriff umfasst sowohl formelle Institutionen und mit Durchsetzungsmacht versehene Herrschaftssysteme als auch informelle Regelungen, die von Menschen und Institutionen vereinbart oder als im eigenen Interesse angesehen werden." Ganz vereinfacht also kann man Governance als den Prozess der Entscheidungsfindung und den Prozess der Entscheidungsumsetzung oder Nicht-Umsetzung beschreiben. Government macht nur einen Teil von Governance aus, denn je nach beteiligter Regierungsebene variiert die Zusammensetzung der beteiligten Akteure. James N. Rosenau erklärt, dass das Regelsystem von Government in formalen und rechtlichen Abläufen verwurzelt ist, während das Regelsystem von Governance auch ein informelles Regelsystem sein kann.

Quellen: http://www.school-governance.com/KBBB_06/Tagungsbericht.pdf (06-07-08) http://derstandard.at/druck/?id=1612808 (07-06-06)

Neben und jenseits gewohnter Reformsemantik findet in den deutschsprachigen Ländern in jüngerer Zeit der Begriff der Governance auch im Bildungssektor als Educational Governance Eingang. Das bislang dominierende Konzept ‚Steuerung’ wird mit diesem Begriff in einer umfassenderen Perspektive verortet. Diese umgreift das Konstellationsgefüge, in dem sich die beteiligten Akteure bewegen, ihre intentionalen (Steuerungs-)Aktivitäten mitsamt ihren Potentialen und Beschränkungen sowie die institutionellen Regelungsstrukturen und die mit ihnen verknüpften Veränderungsprozesse und Wirkungen. Die zentrale Fragestellung richtet sich nicht mehr (ausschließlich) auf singuläre Steuerungsaktivitäten, die sich ihrerseits bereits von direktiver zu indirekter Steuerung wandeln, sondern auf das unter den beteiligten Akteuren nur mehr oder weniger abgestimmte Zusammenwirken einer Vielzahl von Steuerungsversuchen und dabei zu entdeckende Koordinationsmuster. Die Governance-Perspektive ist damit auch als eine Reaktion auf unterkomplexe lineare Steuerungsmodelle zu verstehen und in einem positiven, durchaus auch praxisrelevanten Sinn als analytischer Versuch, die komplexen Bedingungen von Veränderungen Stück für Stück aufzuklären.

Quellen: http://www.school-governance.com/DGFE%20Frankfurt/Wissinger%20u%20Bruese.pdf (06-07-08)
http://www.boerse-express.com/wiki/Corporate_Governance (09-08-01)

Das Standardwerk zur "Educational Governance:


Ich halte für einen Modebegriff und habe IT-Governance in unserer Unternehmensbroschüre folgendermaßen hergeleitet:

´Im Zuge der erhöhten Aufmerksamkeit der Investoren, der Aufsichtsbehörden und der Öffentlichkeit für das Management von Risiken in Unternehmen wurde der Governance-Begriff mit dem Konzept der IT-Governance auf den Bereich der Informationstechnologie (IT) ausgeweitet. Der Begriff gehört in die Reihe der schwer zu übersetzenden und doch intuitiv verständlichen Begriffe. Governance ist der englische Ausdruck dafür, etwas zu beherrschen oder zu kontrollieren. Für die „Beherrschung“ des Gesamtunternehmens wurde der Begriff „Corporate Governance“ geprägt, dem die IT-Governance untergeordnet ist.´

Governance zielt m.E. auf ein reglkonformes Mangement ab. Diese Regeln haben verschiedene Zwecke wie Anleger-, Verbraucher-, Datenschutz usw. und sind in Regelwerke umgesetzt wie Gesetze (SOX, BDSG), Verordnungen (GdPDU, GoBS) und Best Practice-Standards (COSO, CobiT) usw. ---> IT-Governance könnte man dann auch als regelkonformes IT-Management definieren.

Governance bezeichnet generell das Steuerungs- und Regelungssystem einer politisch-gesellschaftlichen Einheit wie Staat oder Gemeinde. Häufig wird es auch im Sinne von Steuerung oder Regelung einer jeglichen Institution (etwa einer Gesellschaft oder eines Betriebes) verwendet.

Für den aus dem Französischen kommenden Begriff ("Gouvernance") gibt es keine deutsche Entsprechung; Eindeutschungsversuche wie "Gouvernanz" haben sich (noch) nicht durchgesetzt, der Begriff "Lenkungsformen" bietet sich an, da damit sowohl der Bezug zu den Strukturen als auch der zur Intention gegeben ist. Der Ausdruck ist - im politischen Umfeld - alternativ zum Begriff Government (Regierung) entstanden und soll ausdrücken, dass innerhalb der jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Einheit Steuerung und Regelung nicht nur vom Staat ("Erster Sektor"), sondern auch von der Privatwirtschaft ("Zweiter Sektor") und vom "Dritten Sektor" (Vereine, Verbände, Interessenvertretungen) wahrgenommen wird. (Unter Corporate Governance versteht man die Kontroll- und Steuerungsstruktur innerhalb, gelegentlich auch außerhalb - rechtliche Regelungen - privatwirtschaftlicher Unternehmen.). Governance bezieht sich ausschließlich auf Strukturen und ist von "Regierungsführung" als Prozess zu unterscheiden.

Dabei können verschiedene Koordinationsmechanismen ausgemacht werden. Zum einen kann der Staat hierarchisch entscheiden, was beispielsweise in der Eingriffsverwaltung (zum Beispiel Steuererhebung) notwendig ist. In anderen Bereichen können vermehrt marktliche Arrangements getroffen werden. Im Laufe der letzten Jahre wurden namentlich die sog. Netzwerkindustrien (Telekommunikation, Elektrizität, Postdienste, etc.) entflochten und somit die ehemals staatliche Bereitstellung durch eine Wettbewerbskoordination mit staatlicher Regulation oder Selbstregulierung ersetzt. Auch innerhalb der öffentlichen Verwaltung wurden zusehends "Marktmechanismen" eingeführt. So zum Beispiel der Leistungslohn oder die "Führung durch Leistungsauftrag und Globalbudget".

Des Weiteren sind Netzwerke als Governance-Mechanismen erkannt worden. Dabei werden staatliche Institutionen, privatwirtschaftliche und non-for-profit Organisationen (zum Beispiel Verbände) zusammengefasst, um einen bestimmten Politikbereich zu steuern. Die Rolle des Staates soll damit nicht unterminiert, sondern neu definiert werden. Ihm obliegt es das Netzwerk zu koordinieren, wobei er sich von seiner Verantwortung zur Leistungserbringung in einem bestimmten Politikbereich nicht lossagen kann. Netzwerkartige Arrangements sind nicht neu. Gerade in Ländern mit ausgeprägter korporatistischer Tradition sind sie Teil des politischen Lebens, zum Beispiel in Deutschland, in den Niederlanden, in der Schweiz, in den USA, teilweise auch in der Europäische Union.

Die Governance-Debatte wird heute breiter geführt. Es geht nicht mehr nur um die Koordination von Arbeit und Kapital, sondern auch darum, die verschiedensten Politikbereiche insbesondere der Leistungsverwaltung in netzwerkartiger Form zu steuern. Ein treffendes Beispiel dürfte das Standortmarketing von Städten, Regionen oder ganzen Nationen sein. Hierbei gibt es, beispielsweise im Kanton Zürich (CH), Beispiele für Netzwerke aus Behörden, Finanzinstituten, privatwirtschaftliche Unternehmen und Tourismusvertretern (http://www.greaterzuricharea.ch).

Im Gegensatz zum normativen Konzept der Good Governance wird Governance heute im Allgemeinen wertneutral verwendet. Hierbei sollte jedoch nicht übersehen werden, dass auch Governance bereits eine Abwendung vom zentralen Steuerungsinstrument 'Staat' impliziert. Allerdings wird - rein empirisch - das Wort Governance häufig oder sogar meistens nicht in irgendeinem definierten Sinne, sondern als modische Alternative zu "Government" (Regierung) verwendet.

Man muss an dieser Stelle eine Differenzierung einführen. Das eben beschriebene betrifft insbesondere die Public Governance, also die Steuerung des Öffentlichen. Im Vergleich dazu erscheint sich der Governance-Begriff große Beliebtheit zu erfreuen, so dass er für eine Vielzahl von Sachverhalten eingesetzt wird. Es droht deshalb die Gefahr der Verwässerung. Beispiele sind: Economic Governance, Network Governance, Political Governance, Institutional Governance oder Governance schlicht als Begriff für sämtliche Konstellationen mit Steuerungscharakter. Man sollte deshalb die ursprünglichen Prinzipien der Governance deutlich werden lassen. Es sind die folgende:

Das Konzept Good Governance

entstand Ende der 1980er Jahre bei der Weltbank und wurde von den internationalen Entwicklungshilfeorganisationen wie UNDP (das Vereinte Nationen-Entwicklungsprogramm) und OECD als positive Umkehrung der negativen Erfahrung aufgenommen.

Es handelte sich um eine Antwort auf die negativen Folgen der Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank. Die Strukturanpassungsprogramme hatten katastrophale Folgen, so dass Institutionen immer mehr in den Fokus gerieten.

Hieraus schloss man auf eine Abwesenheit von Institutionen, Prinzipien und Strukturen, deren Gesamtheit als Governance bezeichnet wurde – und als "Good Governance", wenn sie besonders gut funktionierte. Eine einheitliche Definition des Begriffs Good Governance gibt es – selbst innerhalb der einzelnen Organisationen – nicht; zu den guten Prinzipien gehören aber häufig Begriffe wie Transparenz, Effizienz, Partizipation, Verantwortlichkeit, Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Demokratie und Gerechtigkeit. Die Demonstration der Einrichtung bzw. Entwicklung von derartigen Institutionen, Prinzipien und Strukturen wurde bald zur Voraussetzung für weitere Zahlungen. Good Governance ist also eine Sammlung von theoretischen Strömungen, Methoden und Instrumenten, die normativ bestimmte Steuerungsprinzipien und -formen bevorzugen. Damit sei - insbesondere in Zusammenhang mit Themen der politischen Führung in Entwicklungsländern - ein Referenzsystem gegeben, auf dessen Grundlage sich die Qualität politischer Führung und Steuerung bewerten lasse. Good Governance verhehlt dabei generell seinen normativen Ansatz. In neuester Zeit wird der Begriff "Good Governance" auch im Rahmen von Konzepten zu Verwaltungsethik rezipiert und diskutiert.

In den internationalen Sozialwissenschaften übertrug man den Begriff der Governance alsbald auf die "Erste Welt", also auf den "Westen". Auch hier sollte die darin eingeschlossene Entstaatlichung schon vom Ansatz her bemerkt werden. Allerdings wird - rein empirisch - das Wort Governance häufig oder sogar meistens nicht in irgendeinem definierten Sinne, sondern als modische Alternative zu "Government" (Regierung) verwendet.

Nach Ansicht von Kritikern ist Good Governance kein ideologiefreies Konzept; vielmehr sei bereits im Ausdruck Governance eine Abwendung vom zentralen Steuerungsinstrument 'Staat' angelegt. Entstaatlichung und Ökonomisierung würden implizit als wünschenswert dargestellt. Kritiker aus den "Entwicklungsländern" sowie den Transformationsländern Zentral- und Osteuropas, die funktionierende, von Wirtschaft und Gesellschaft weitgehend unabhängige Staatsstrukturen für wichtig halten, sehen im Konzept der Good Governance daher auch eine Form von "neokolonialistischem Imperialismus" und Teil der negativen Globalisierung. Auch lassen sich Verbesserungen von Steuerung, Verteilung usw. kaum nachweisen.

Governance-Bereiche

Governance ist in der internationalen und nationalen politischen Diskussion zunehmend zu einem Leitbegriff geworden. Die Politikbereiche, in denen dieser Begriff zur Analyse, zur Leitbilderstellung und als Entscheidungshilfe herangezogen wird, reichen von

Viele reden mit

So unterschiedlich diese Politikbereiche auch sind, ihnen ist gemeinsam, dass politische Steuerung nicht mehr exklusiv dem politisch-administrativen System zugeordnet wird, sondern die Mitwirkung unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure in „neuen Formen des Regierens“ vorsieht.

Aus theoretischer Sicht wird vor allem nach der Beschaffenheit von Regelungsstrukturen gefragt, in denen öffentliche und private Akteure in hierarchischen oder (vorzugsweise) netzwerkartigen Formen zusammenwirken. Aus praktischer Sicht sind vor allem Fragen wie „Wer sind die relevanten gesellschaftlichen Schlüsselakteure und Stakeholder?“ oder „Wie sollen Governance-Prozesse organisiert werden?“ zu beantworten.

Pädagogische Governance

Im Kontext von PISA, der Einführung von schulischer Autonomie, Bildungsstandards, Bildungsmonitoring und externen Evaluations- und Beobachtungsverfahren sind in neuerer Zeit in den Schulsystemen Europas gravierende Umbauten institutioneller Regelungsstrukturen, sprich der Governance, zu verzeichnen. Diese wirken sich auf alle Ebenen des Schulsystems, die administrative und pädagogische Praxis sowie die zivilgesellschaftliche Beteiligung an der Schule aus. Veränderungen der schulischen Governance-Praxis führten in jüngster Zeit zu einer Reihe von wissenschaftlichen Beiträgen, die mit dem Governancebegriff analytisch arbeiten, um die institutionellen Umbauten nachzuvollziehen und Orientierungswissen zu bieten. Dies geschieht gerade auch im deutschsprachigen Raum, womit eine längst überfällige Angleichung an internationale Diskussionen vollzogen wird. Für diese Angleichung hat sich eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe – bestehend aus den Disziplinen Erziehungswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft – seit einiger Zeit zum Ziel gesetzt, Governance als analytische Perspektive für die deutschsprachige empirische Bildungsforschungmit zu entwickeln – durch die Adaptation sozialwissenschaftlicher Konzeptionen von Governance und die Rezeption der internationalen Diskussion.

Quelle: Arbeitsgruppe School Governance. WWW: http://www.school-governance.com/programmatik.htm (06-07-08)

Politische Steuerung und Regulierung (Governance)

Der Begriff der Steuerung bezeichnet zunächst einmal den auf die sachlich-technischen Dimensionen reduzierten Prozess politischer Herrschaftsausübung und steht in Konkurrenz zu dem häufig unspezifisch und allgemein verwandten Begriff „Regieren“ oder "Gestalten". Mayntz (1997) definiert politische Steuerung genauer als „konzeptionell orientierte Gestaltung der gesellschaftlichen Umwelt durch politische Instanzen“, wobei der Begriff vielfach als Synonym zu „regulativer Politik“, „Regulierung“ oder „Governance“ verwendet wird.

In diesem Sinne bezieht sich der Begriff auf die soziale Risiken vermeidenden, kompensierenden und Wohlstand mehrenden Interventionen des Staates bzw. der Regierungen in die Gesellschaft, wobei hier nur in seltenen Fällen eine dauerhafte Lösung erreicht wird, sondern immer wieder oder neu unerwünschte Zustände auftreten. Dabei ist es umstritten, in welchem Umfang und in welcher Tiefe die Politik gesellschaftliche Abläufe beeinflussen kann, welche politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für erfolgreiche politische Steuerung gegeben sein müssen und welche Rolle den Steuerungsobjekten im Steuerungsprozess zukommt. Daher definieren neuere Ansätze politische Steuerung als „Prozess struktureller Kopplung zwischen politischem System und einem anderen autopoetisch organisierten Sozialsystem“ (Görlitz/Burth 1998: 291) und das politische System wird nicht mehr länger als zentrale Steuerungsinstanz begriffen, welches die Teilsysteme der Gesellschaft steuert und koordiniert.

Festgestellt wird nun eine zunehmende Unvereinbarkeit zwischen territorial gebundenen Steuerungsstrukturen und kaum kontrollierbaren externen Problemstrukturen (dies betrifft sowohl die Umweltpolitik, den technologischen Wandel als auch die Globalisierung sowie die Migration). Politische Steuerung findet ferner in einem komplexen Mehrebenensystem statt, welches durch simultane Steuerungsaktivitäten sowie parallel existierende institutionelle Strukturen und Regulierungsprozesse gekennzeichnet ist. Charakteristisch für staatliche Steuerung ist schließlich die Herausbildung

Governance und Nachhaltigkeit

Für eine komplexer werdende Welt reichen Steuerungselemente aus der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr aus
Da sich unser Gesellschaftssystem ständig wandelt, finden es EntscheidungsträgerInnen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen zunehmend schwieriger, ihre Anliegen und Interessen in dieser komplexer werdenden Welt durchzusetzen.

"Command and control"

Steuerungselemente, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts eingeführt wurden und optimal an die damaligen Verhältnisse angepasst waren – wie etwa eine hierarchische Raumplanung oder Regieren mittels "command and control", ja selbst das Einheben von Steuern und Abgaben – können den neuen Anforderungen immer weniger gerecht werden und erleben einen Bedeutungswandel. Dazu kommt, dass im Streben einzelner Gruppen um die Durchsetzung ihrer Interessen der Ausgleich zwischen den Interessen oft unter die Räder kommt und einzelne Gruppen mehr (finanzielle) Möglichkeiten haben ihren Interessen Gehör zu verschaffen als andere.

Die Frage nach neuen Steuerungsmodellen in einem komplizierter werdenden Geflecht von AkteurInnen wird seit einiger Zeit unter dem Stichwort Governance diskutiert. Diese Frage stellt sich auch und gerade für das Erreichen einer mehrdimensionalen Idee, wie sie im Konzept der nachhaltigen Entwicklung formuliert ist.

Der Begriff "Governance"

Im Thema des Monats März "Governance und Nachhaltigkeit" auf Nachhaltigkeit.at wird versucht, Antwort auf folgende Fragen zu finden: Was heißt Governance eigentlich, welche Konzepte werden theoretisch diskutiert? Wie kann Governance für eine nachhaltige Entwicklung aussehen? Welche praktischen Anwendungsbeispiele gibt es?

Das heutige Verständnis vom Begriff Governance wurde wesentlich durch das internationale Expertengremium "Commission on Global Governance" geprägt. Die deutsche "Stiftung Entwicklung und Frieden" hat sich ebenfalls früh mit dem Thema Global Governance beschäftigt und definiert Governance als "die Gesamtheit der zahlreichen Wege, auf denen Individuen sowie öffentliche und private Institutionen ihre gemeinsamen Angelegenheiten regeln. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Prozess, durch den kontroverse oder unterschiedliche Interessen ausgeglichen werden und kooperatives Handeln initiiert werden kann. Der Begriff umfasst sowohl formelle Institutionen und mit Durchsetzungsmacht versehene Herrschaftssysteme als auch informelle Regelungen, die von Menschen und Institutionen vereinbart oder als im eigenen Interesse angesehen werden." (Stiftung Entwicklung und Frieden 1995)

Ganz vereinfacht also kann man Governance als den Prozess der Entscheidungsfindung und den Prozess der Entscheidungsumsetzung oder Nicht-Umsetzung beschreiben. Government macht nur einen Teil von Governance aus. Je nach beteiligter Regierungsebene variiert die Zusammensetzung der anderen beteiligten Akteure. James N. Rosenau, ein anerkannter internationaler Politikwissenschaftler, erklärt, dass das Regelsystem von Government in formalen und rechtlichen Abläufen verwurzelt ist, während das Regelsystem von Governance auch ein informelles Regelsystem sein kann.

Governance für nachhaltige Entwicklung

Als Voraussetzungen für Governance innerhalb einer nachhaltigen Entwicklung werden unter anderem die Vorteile flacherer Hierarchien (innerhalb und zwischen Organisationen), die Legitimierung der beteiligten Institutionen, veränderliche Netzwerke und der freie Zugang zu Informationen und Entscheidungen diskutiert. Neue Netzwerke und zivilgesellschaftliche Organisationen erfordern neue Formen der Legitimation, Hierarchien traditioneller Organisationen verändern sich mit der Entwicklung neuer Kooperationsformen zwischen den Organisationen.

Dabei geht es nur vordergründig um die Frage "Mehr Staat – weniger Staat?" sondern eher um das Anliegen, Verantwortung und Aufgaben in unserer Gesellschaft (und anderen Gesellschaften auf dem Globus) neu zu ordnen. Während schon einige Jahrzehnte Kritik an bestimmten Interventionen des Staates, aber auch an bestimmten Einflussnahmen Privater geübt wird, stecken die Antworten auf die Frage nach einem intelligenten Zusammenwirken von Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft immer noch in den Anfängen.

Anforderungen und Chance

Nachhaltige Entwicklung erfordert die Integration unterschiedlichster Politikbereiche sowie die Mitwirkung unterschiedlichster Akteure. Governance bietet die Chance, den Prozess der Umsetzung der Inhalte nachhaltiger Entwicklung zu unterstützen und zu strukturieren und die unterschiedlichen Ansätze zu einem kohärenten Ganzen zu bündeln.

Gerade die Umweltproblematik hat durch ihre Komplexität erstmals aufgezeigt, dass neue Lösungsmodelle nötig sind und auch Möglichkeiten aufgezeigt und erprobt.

Langfristigkeit

Ein so umfassender Prozess wie nachhaltige Entwicklung erfordert eine Abkehr von kurzfristigen Reparaturansätzen und sektoralen Kompetenzmonopolen. Langfristige Entscheidungen, die auf ökonomische, soziale und ökologische Belange gleichermaßen Rücksicht nehmen müssen, sind oftmals nicht sehr populär und darüber hinaus auch sehr schwierig. Daher werden sie oft zugunsten einfacherer, d.h. kurzfristiger und sektoraler, Entscheidungen hintangestellt. Ein weiterer Grund für die Schwierigkeit, eine längerfristige Perspektive in der Politik zu gewinnen, ist, dass dafür eine umfassendere Wissensgrundlage nötig wäre.

Konkrete Lösungsansätze, wie sektorale Entscheidungen, die von spezialisierten Institutionen getroffen werden, in Richtung ganzheitlicher, sektorübergreifender Entscheidungen gelenkt werden können, müssen erst gefunden werden. Die Forderung nach sektorübergreifenden Lösungen zeigt auch die Notwendigkeit einer "horizontalen Politikanpassung".

"Vertikale Politikanpassung"

Durch die flexible Verbindung von bottom-up Ansätzen mit top-down Lösungen wird versucht, eine möglichst anpassungsfähige Governance-Struktur zu erreichen, die unter Einflussnahme aller Stakeholder ein befriedigenderes Ergebnis erzielen kann als reine top-down Entscheidungen. Durch diese Verbindung gelangen auch lokale Expertise bzw. lokales Wissen in den Prozess, wodurch die Entscheidungen langfristig beeinflusst werden können. Dies nennt man auch "Vertikale Politikanpassung".

Die Expertise, die Politik und Verwaltung, aber auch Wirtschaft, BürgerInnen und Interessensgruppen gewonnen haben, ist nötig, um diesen Prozess der Umsetzung von Governance für nachhaltige Entwicklung zu optimieren.

Quelle

Bache, Ian (Hrsg.): Multi-level Governance, Oxford: Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-925925-9

Benz, Arthur: Politik im Mehrebenensystem, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2006, ISBN 3-531-14530-4

Benz, Arthur: Governance - Regieren in komplexen Regelsystemen : eine Einführung, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, ISBN 3-8100-3946-2

Blumenthal, Julia: Von Government zu Governance: Analysen zum Regieren im modernen Staat, Münster: LIT-Verlag, 2006, ISBN 3-8258-9571-8

Edeling, Thomas / Jann, Werner / Wagner, Dieter (Hrsg.): Modern Governance. Koordination und Organisation zwischen Konkurrenz, Hierarchie und Solidarität, Leverkusen: Leske und Budrich, 2006, ISBN 3-8100-3244-1

Fukuyama, Francis: State Building. Governance and World Order in the Twenty-First Century, Ithaca, N.Y.: Cornell University Press, 2004, ISBN 0-8014-4292-3

Jansen, Dorothea (Hrsg.): New Forms of Governance in Research Organizations - Disciplinary Approaches, Interfaces and Integration, Dordrecht: Springer, 2007, ISBN-13: 978-1-4020-5830-1

König, Klaus: Verwaltete Regierung, Köln: Heymann, 2002

Klaus König/M. Adam (Hrsg.): Governance als entwicklungspolitischer Ansatz, Speyer 2001.

Herbert Altrichter, Martin Heinrich, "Schulprofilierung und Transformation schulischer Governance", Schulen mit Profil. Forschungsergebnisse – Brennpunkte – Zukunftsperspektiven, in Xaver Büeler, Alois Buholzer und Markus Roos, StudienVerlag, Innsbruck, Seite(n) 125-140, 2005

Martin Heinrich, "School Improvement and New Education Governance Educational change via school improvement-plans reconsidered by a view on „New Education Governance“"

Von der Autonomie in der Schulentwicklung zur ‚New Education Governance’. Überlegungen zu einem Paradigmenwechsel in der Schulreform am Beispiel empirischer Studien zur Schulprogrammarbeit

Koch, Martina: Allgemeine Pädagogik als ´Governance´ - Programmatische Skizze einer allgemeinpädagogischen Entwicklungslinie. In: S. Abeldt; W. Bauer; G. Heinrichs; T. Knauth; M. Koch; H. Tiedemann; W. Weiße (Hg.): "...was es bedeutet, verletzbarer Mensch zu sein" Erziehungswissenschaft im Gespräch mit Theologie, Philosophie und Gesellschaftstheorie. Mainz: Matthias Grünewald Verlag 2000, S. 495-506.


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