Pädagogische Fachzeitschriften 2007

Strohmeier Dagmar, Fricker Anita

Interkulturelles Lernen: Unbekanntes Unterrichtsprinzip oder gelebte schulische Praxis? 

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Die Zunahme der Multikulturalität in Österreich macht Interkulturelles Lernen bei Kindern und Jugendlichen, als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben der Menschen, notwendig. Nach vorliegender Studie in zwei multikulturellen Kooperativen Mittelschulen in Wien wurde der Schluss gezogen, dass das Unterrichtsprinzip „Interkulturelles Lernen“ laut Lehrplan als relativ unbedeutend eingeschätzt wird, die Ziele mit Ausnahme der Bereiche Wissen und Prävention aggressiven Verhaltens jedoch weitgehend erreicht werden. Eine Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf andere Schultypen ist jedoch nicht zulässig.  

Multikulturalität und was ist Interkulturelles Lernen?

Globale Migrationsbewegungen machen das Aufwachsen in einer multikulturellen Gesellschaft sowie den positiven Umgang mit kultureller Vielfalt als eine neue Entwicklungsaufgabe bei Kindern und Jugendlichen notwendig, um das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe zu gewährleisten.

Da der Trend, dass österreichische Schulen immer multikultureller werden, schon früh erkannt wurde, wurden bereits konkrete Maßnahmen gesetzt, die hauptsächlich den Spracherwerb der SchülerInnen mit Migrationshintergrund betreffen. Nebenbei wurde zu Beginn der Neunziger Jahre „Interkulturelles Lernen“ als Unterrichtsprinzip und als allgemeines Bildungsziel in den Lehrplänen der Schulen festgehalten, dessen Zielgruppen alle an Schule beteiligten Personen, wie Lehrer, Schüler und Eltern, sind, da Multikulturalität letztendlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellt. Derzeit haben Unterrichtsprinzipien aufgrund der Fülle einen eher geringen Wert und die Umsetzung dieser ist unverbindlich, daher liegt es am Lehrer, ob diese mehr oder weniger in den Unterricht einfließen.

Unter Interkulturellem Lernen in den Lehrplänen versteht man:

Nach Ansicht der Autoren sollte interkulturelles Lernen weiter gefasst werden, nämlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die das friedliche Zusammenleben, die Umsetzung grundlegender Werte und Beseitigung von Diskriminierung und Schlechterstellungen von Gruppen zum Ziel hat. Bei der Umsetzung von Interkulturellem Lernen in der Schule sollen 2 Kernbereiche im Vordergrund stehen: das Recht auf Bildung auf Grundlage der Chancengleichheit und der Schutz vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung. „Somit geht es beim Interkulturellem Lernen in der Schule um 2 Kernbereiche, nämlich um Didaktik und Motivationsförderung und um die Förderung von sozialen Kompetenzen bzw. Gewaltprävention“ (Strohmeier & Fricker 2007, S. 117). Voraussetzungen dazu sind, dass es das Anliegen der gesamten Schule ist und dass alle SchülerInnen, sowie Eltern und außerschulische Institutionen, miteinbezogen werden. Die Autoren plädieren dafür, dass Integration und Interkulturelles Lernen sich vor allem im täglichen Handeln zeigen und es daher zielführender ist, sich auf Motivationsförderung und Gewaltprävention unter Einbeziehung aller am schulischen Bildungsprozess beteiligter Personen zu beschränken.   

Studien an 2 Wiener Kooperativen Mittelschulen

Bereits durchgeführte ethnologische Studien belegen, dass das Unterrichtsprinzip „Interkulturelles Lernen“ bei Lehrern fast unbekannt ist. Mit Hilfe quantitativer Methoden wurde erstmals in der vorliegenden Studie die Zielerreichung sowie die relative Bedeutsamkeit bei Lehrern und der am besten geeigneten Lehrmethoden zur Umsetzung des Unterrichtsprinzips „Interkulturelles Lernen“ laut Lehrplan überprüft. Dazu wurde eine  SchülerInnen- und LehrerInnenbefragung im Rahmen einer Diplomarbeit von Fricker (2006) an zwei multikulturell zusammengesetzten Wiener Kooperativen Mittelschulen durchgeführt.         

Ergebnisse der SchülerInnenbefragung

Für die Beurteilung, inwieweit die Ziele des interkulturellen Lernens im Schulalltag erreicht werden, werden die Ergebnisse der SchülerInnenbefragung herangezogen. Enorme Defizite der SchülerInnen zeigten die Ergebnisse hinsichtlich des Wissens über andere Kulturen. Mittelmäßige Ergebnisse ergaben die Auswertungen der Antworten in den Bereichen Partizipation, Stimmung in der Klasse, Deutschkompetenz und Deutschinteresse, Förderung von gemeinsamen Zielen und Zusammenarbeit durch die LehererInnen, Wertschätzung von positiven interkulturellen Beziehungen durch die LehrerInnen. Die Ergebnisse hinsichtlich aggressiven Verhaltens zwischen SchülerInnen zeigen, dass gemeine Schimpfereien und körperliche Attacken häufig vorkommen. Diese Ergebnisse lassen für die Autoren den Schluss zu, dass im Sinne des Unterrichtsprinzips „Interkulturelles Lernen“ die Ziele erreicht wurden. In fast allen Bereichen gibt es jedoch noch Verbesserungsmöglichkeiten.   

Ergebnisse der LehrerInnenbefragung

Bei der Abfrage der Wichtigkeit von Interkulturellem Lernen bei LehrerInnen waren die Ergebnisse ernüchternd. Bei 69% der Befragten gehörte „Interkulturelles Lernen“ nicht zu den Unterrichtsprinzipien. Als Unterrichtsmethode für „Interkulturelles Lernen“ war Teamteaching die wichtigste, Frontalunterricht die unwichtigste Methode. Die Wichtigkeit von Unterrichtsmethoden wie Gruppenarbeit, Projektunterricht und Diskussionen wurden höher eingeschätzt, als diese tatsächlich in der Praxis eingesetzt werden.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Unterrichtsprinzip „Interkulturelles Lernen“ bei LehrerInnen zwar nicht unbekannt, aber unbedeutend ist.

Quelle

Strohmeier, D. & Fricker, A. (2007). Interkulturelles Lernen: Unbekanntes Unterrichtsprinzip oder gelebte schulische Praxis? Erziehung und Unterricht, 157, 115 – 128.


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