Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Autor

Vergleichende ethnographische Studien zu Bildungssystemen: USA, Japan, Deutschland

[an error occurred while processing this directive]

Dieser Artikel von Peter Martin Roeder bietet einen Überblick über die Ergebnisse einer qualitativen Fallstudie der Schulsysteme Japans, der USA und Deutschlands, welche im Rahmen des Third International Mathematics and Science Study mit dem Ziel durchgeführt wurde, die Ursachen für die großen Leistungsunterschiede zwischen Japan und den beiden anderen Ländern (vgl. Roeder 2001, S. 201) zu erklären. Der Artikel konzentriert sich auf folgende drei Themenbereiche:

1. Entwicklung und Kontrolle schulischer Leistungsstandards bzw. welchen Einfluss das soziale Umfeld darauf ausübt:

Bei der Entwicklung und Kontrolle schulischer Leistungsstandards „bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den drei Ländern.“ (Roeder 2001, S. 203)

In Japan wird „ein einheitlicher Lehrplan durch Kommissionen des nationalen Bildungsministeriums entwickelt“. (Roeder 2001, S. 203) Die Einhaltung wird mit Hilfe von zwei Maßnahmen gesichert: Zum einen durch die Überprüfung „der zugelassenen Lehrbücher auf Übereinstimmung mit dem Lehrplan“ (Roeder 2001, S. 203) und zum anderen durch die genaue Orientierung „der Tests, die über die Aufnahme in ein hierarchisches System von Oberschulen [...] und von Hochschulen entscheiden“ (Roeder 2001, S. 203) am Lehrplan.

In Deutschland findet man keinen so hohen „Grad an faktischer Verbindlichkeit des Lehrplans“. (Roeder 2001, S. 204) Vielmehr verfügt jeder Lehrer über die Autonomie sein eigenes Unterrichtsprogramm zu entwickeln. (vgl. Roeder 2001, S. 204)

In den USA wird eine mögliche „staatliche Vorgabe von Leistungsstandards“ (Roeder 2001, S. 204) von den verschiedenen Schulen eher kritisiert.

Aufgrund der „Abhängigkeit amerikanischer Schulen vom lokalen Steueraufkommen“ (Roeder 2001, S. 205) liegen die Leistungen der Schüler in den gutausgestatteten Schulen in den Vororten deutlich über jenen in den finanziell schlechter gestellten Innenstadt-Schulen. (vgl. Roeder 2001, S. 205)

Obwohl in Japan und Deutschland „der hohe Anteil zentraler Mittel an der Finanzierung des Schulwesens [...] für einen weitgehenden Ausgleich lokaler Disparitäten sorgt“ (Roeder 2001, S. 206) übt auch hier das soziale Umfeld einen erheblichen Einfluss aus.

2. Interpretation der Leistungsunterschiede zwischen Japan und den beiden anderen Ländern

In Japan steht im Mittelpunkt der Erziehung die ganze Person (vgl. Roeder zit. nach Shimizu 2001, S. 208), das heißt, es geht nicht nur um kognitives Lernen, sondern auch um die Förderung der moralischen, emotionalen, ästhetischen und körperlichen Entwicklung der Schüler. (vgl. Roeder 2001, S. 208)

Im Gegensatz zu Deutschland und den USA sind Eltern in Japan der Meinung, dass Schulleistungen in erster Linie das Ergebnis „von Anstrengungen und erst in zweiter Linie von Begabung“ (Roeder 2001, S. 208) sind. Aufgrund dieser Einstellung und um Chancengleichheit zu ermöglichen besteht in Japan auch ein „Differenzierungsverbot bis zum Ende der Pflichtschulzeit“. (Roeder 2001, S. 207) Diese Form des Schulsystems erfordert von japanischen Schülern jedoch folglich, dass sie „sehr viel Zeit für das häusliche Studium bzw. den Besuch der Juku“ (Roeder 2001, S. 209), sogenannter privater Nebenschulen, aufbringen müssen. Aufgrund der enormen „Konkurrenz um Zulassung zu einer möglichst hochrangigen Oberschule bzw. Hochschule, die eine intensive Vorbereitung auf die dabei zu absolvierenden Tests“ (Roeder 2001, S. 209) erfordert, herrscht in japanischen Schulen oft sehr hoher Leistungsdruck. Dieses Übergewicht standardisierter Leitungsmessungen und die Vernachlässigung individueller Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler (vgl. Roeder zit. nach Shimizu 2001, S. 211) wird seitens des Bildungsministeriums oft kritisiert. 

Das deutsche und amerikanische Schulsystem ist wesentlich flexibler aufgebaut, da es Niveaudifferenzierungen aufgrund der unterschiedlichen individuellen Fähigkeiten der einzelnen Schüler erlaubt. Aus diesem Grund herrscht deutlich seltener „Überforderung durch schulische Leistungsansprüche“. (Roeder 2001, S. 211) 

3. Stellenwert der Schule im Leben der Jugendlichen: 

Die Schule spielt im Leben japanischer Jugendlicher aufgrund des hohen Leistungs- und Zeitanspruchs eine dominante Rolle. (vgl. Roeder 2001, S. 207 ff) 

In Deutschland haben Schüler oft eher eine negative Einstellung zur Schule (vgl. Roeder 2001, S. 213), da hier die reine Wissensvermittlung meist im Vordergrund steht. 

Im Gegensatz dazu geht es in amerikanischen Schulen vorrangig um die Entwicklung der Persönlichkeit (vgl. Roeder 2001, S. 213). Durch eine Vielzahl an außerunterrichtlichen Aktivitäten wird das Gemeinschaftsgefühl besser geweckt als in deutschen Schulen. (vgl. Roeder 2001, S. 213 ff)

Quelle

Roeder, Peter Martin (2001). Vergleichende ethnographische Studie zu Bildungssystemen: USA, Japan, Deutschland. Zeitschrift für Pädagogik, 47, 201-215


Zum Inhaltsverzeichnis


Aus Pädagogischen Fachzeitschriften ...

impressum stangl.eu